KONTINUIERLICHE FORMEN DER NIERENERSATZTHERAPIE
OA Dr. Andreas Mayr - Klin. Abt. für Allgemeine und Chirurgische Intensivmedizin,
Innsbruck
Die kontinuierlichen Formen der Nierenersatztherapie - kontinuierliche venovenöse Hämofiltration (CVVHF) und kontinuierliche venovenöse Hämodiafiltration (CVVHDF) stellen einen integrativen Bestandteil der modernen Intensivtherapie dar. Bei diesen extrakorporalen Verfahren kommt es durch den Kontakt des Blutes mit fremden Oberflächen zur Aktivierung des Gerinnungssystems. Thrombozytenadhäsion, -aktivierung und -aggregation führen gemeinsam mit der Aktivierung der plasmatischen Gerinnung zur Thrombenbildung im extrakorporalen Kreislauf. Eine adäquat durchgeführte Antikoagulationstherapie kann diesen Ablauf verhindern und ebenso die Effizienz der Nierenersatztherapie verbessern.
Obwohl unfraktioniertes Heparin nach wie vor das Antikoagulans der 1. Wahl darstellt, gibt es spezielle Probleme und Indikationen, die eine Alternative erfordern. In der Literatur ist dieser Problematik, trotz ihrer Häufigkeit, nur relativ wenig Platz eingeräumt. In diesem Artikel soll ein Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten der Antikoagulation bei extrakorporalen Therapieverfahren, sowie deren Indikationen, Dosierungsempfehlungen und Nebenwirkungen gegeben werden.
Antikoagulation mit unfraktioniertem Heparin
Heparin ist strukturell ein polydisperses Gemisch
von sulfatierten, linearen Glycosaminoglykanen mit einem Molekulargewicht
(MG) von 5000-30000 Dalton. Die Wirkung wird über Serpine (Serine Protease
Inhibitoren) vermittelt, insbesondere über deren wichtigsten Vertreter
Antithrombin III (AT III). Die Thrombin-AT III-Reaktion wird durch Heparin
ca. 1000fach beschleunigt. Bei höheren Dosierungen kann Heparin auch
mit der Thrombozytenaggregation interferrieren und zu einer Verlängerung
der Blutungszeit führen. Welche klinische Relevanz dieser Effekt im Hinblick
auf Blutungskomplikationen bei einer Heparintherapie hat, ist nicht genau
bekannt.
Eine Nebenwirkung von Heparin ist die Induktion einer Thrombopenie, wobei
zwei Formen unterschieden werden müssen: der Typ I der heparinreduzierten
Thrombopenie (HIT I) wird durch eine direkte Heparin-Thrombozyten-Interaktion,
deren genauer Mechanismus bisher noch nicht hinreichend abgeklärt ist,
ausgelöst. Dies führt zu einer Reduktion der Thrombozytenzahl meist
innerhalb der ersten 48 h nach Therapiebeginn. Auch unter fortgesetzter Heparingabe
normalisiert sich die Thrombozytenzahl meist innerhalb von 3 Tagen. Demgegenüber
stellt die HIT II eine immunologisch bedingte, nicht selbst limitierte Thrombopenie
dar, deren Beginn bei Heparin-Erstanwendung innerhalb 6-14 Tagen nach Therapiebeginn,
bei sensibilisierten Patienten jedoch auch innerhalb von Stunden liegt. Klinisch
kommt es vor allem zum Auftreten von thromboembolischen Komplikationen, während
Blutungen seltener sind. Sobald der Verdacht auf eine HIT II besteht, muss
jegliche Heparinverabreichung sofort abgesetzt und auf eine alternative Koagulationstherapie
umgestellt werden.
Heparin stellt nach wie vor das am häufigsten verwendete Antikoagulans
dar. Die praktische Durchführung bei extrakorporalen Therapieverfahren
ist auf den meisten Intensivstationen ein Routineverfahren und wird in der
folgenden Tabelle kurz angeführt:
| CVVHF/CVVHDF: Antikoagulation mit unfraktioniertem Heparin |
| Priming des extrakorporalen Systems | 10 000 IE Einheiten in 1000 ml NaCl 9% für 10 min |
| Infusionsort | vor dem Hämofiltrationsfilter |
| Dosis | Beginn mit 5-10 IE Heparin/kg KG/h kont. i.v. Steigerung nach Labor |
| Therapiesteuerung | aPTT-Wert 35-45 sec |
Wichtig ist, dass bei einer notwendigen Hämofiltrationspause (z.B. Wechsel des Systems) die Heparintherapie nicht unterbrochen, sondern systematisch weiterverabreicht werden soll, um unnötige Schwankungen der Antikoagulationsqualität zu vermeiden. Van de Wetering et.al. untersuchten in einer Studie mit 78 Patienten und 240 Hämofiltrationsperioden das Verhältnis zwischen Heparindosis und erreichter aktivierter partieller Thromboplastinzeit (aPTT) andererseits. Die statistische Auswertung ergab, dass pro aPTT-Steigerung um 10 sec das Risiko des Filterclottings um ca. 25% reduziert werden konnte. Dieser positive Effekt wurde allerdings mit einer ca. 50%igen Steigerung des Blutungsrisikos pro 10 sec aPTT-Steigerung erkauft. Der systemische aPTT-Wert bestätigte sich in dieser Studie als guter Prädikator für das Risiko von Filterkoagulation und Blutungskomplikationen mit einer optimalen Sicherheit und Effizienz der Heparintherapie bei einem aPTT-Wert um 35-45 sec. Durch Prädilution, d.h. Zuführung der Substitutionslösung vor dem Hämofiltrationfilter, kann die effektive Filterfunktionsdauer durch Verdünnung des Hämatokrit, der Gerinnungsfaktoren und der Thrombozytenzahl potentiell erhöht werden (Lit-Kaplan). Nachteilig sind dabei die erhöhten Kosten durch den vermehrten Bedarf an Substitutionslösung.
Regionale Antikoagulation mit unfraktioniertem Heparin/Protamin
Eine spezielle Form der Heparinanwendung stellt die regionale Antikoagulation dar. Das Prinzip liegt in der Heparinverabreichung vor dem Filter und der Reversierung des Heparineffektes durch Protaminsulfat nach dem Filter. Die angestrebten aPTT-Werte sollen prä-Filter um 80 sec und post-Filter um 40 sec liegen, um eine optimale Antikoagulation des Filters bei gleichzeitig reduzierter systemischer Wirkung zu erzielen. Ein Hauptproblem liegt dabei in der Schwierigkeit der Therapiesteuerung:
| CVVHF/CVVHDF: Regionale Antikoagulation |
| Infusionsort | Heparin vor dem Hämofiltrationsfilter Protamin nach dem Hämofiltrationsfilter |
| Dosis | Verhältnis Heparin : Protaminsulfat 100 : 1 pro 1000 IE Heparin ca. 10 mg Protaminsulfat |
| Therapiesteuerung | aPTT-Wert: vor dem Hämofiltrationsfilter 80 sec nach dem Hämofiltrationsfilter 40 sec |
| Problem | genaue Steuerung der Reversierung |
Antikoagulation mit niedermolekularem Heparin
Niedermolekulare Heparine werden durch kontrollierte Depolymerisation von natürlichem Heparin gewonnen und haben ein mittleres Molekulargewicht von ca. 5000 Dalton. In mehreren Studien zeigte sich, dass niedermolekulare Heparine eine ähnliche antithrombotische Aktivität als unfraktioniertes Heparin besitzt. Gleichzeitig ist aber die Häufigkeit von Blutungskomplikationen reduziert, was hauptsächlich auf die verminderte Wirkung der niedermolekularen Heparine gegenüber der Thrombozytenaggregation zurückgeführt wird. Weitere Vorteile der niedermolekularen Heparine liegen in einer Induktion von Thrombopenien, sowie in der verminderten Stimulation der Plasmalipaseaktivität. Demgegenüber stellt deren schwierige Therapiesteuerung ein großes klinisches Problem dar. Die anti-FaktorXa (aFXa)-Aktivität, die als Kontrollparameter des Therapieeffektes herangezogen werden könnte, ist derzeit noch kein allgemeines Routineverfahren. Auch im Hinblick auf die Dosierung von niedermolekularen Heparinen bei der Hämofiltration gibt es in der Literatur nur wenige standardisierte Angaben. Die Dosierungsempfehlungen liegen bei kontinuierlicher intravenöser Anwendung meist um 300-600 E/h:
| CVVHF/CVVHDF: Antikoagulation mit nierdermolekularem Heparin |
| Infusionsort | vor dem Hämofiltrationsfilter |
| Dosis | Kont.: ca. 300 - 600 IE/h i.v. |
| Therapiesteuerung | anti-FaktorXa-Aktivität Ziel: 0.2 - 0.4 E/ml |
| Schwierigkeit | kein routinemäßiges Laborscreening möglich |
In einer klinischen Studie verglich Kramer et.al. bei 20 Patienten mit chronischer
Hämodialyse bzw. Hämofiltration niedermolekulares mit unfraktioniertem
Heparin. Bei vergleichbarer antithrombotischer Aktivität (gleiche Inzidenz
an Thrombusformationen im extrakorporalen System) wurden bei den Patienten,
die mit niedermolekularem Heparin behandelt wurden, signifikant weniger Blutprodukte
benötigt. Die reduzierte Aktivierung der Plasmalipase und die daraus
resultierende Verminderung von heparin-induzierten Hypertriglyzeridämien
stellt vor allem für die Langzeittherapie bei chronischen Dialysepatienten
einen Vorteil dar.
Antikoagulation mit Arachidonsäuremetaboliten
Da Thrombozyten in der Genese von extrakorporalen Thrombosen eine prädominante Rolle spielen - Heparin als das Antikoagulanz der 1. Wahl jedoch nur eine geringe Wirkung auf die Thrombozytenaggregation hat - ist eine Antikoagulation mit Heparin alleine während extrakorporaler Verfahren oft insuffizient. Eine weitere Dosissteigerung ist aufgrund der dadurch erhöhten Blutungsneigung oft nicht möglich. Als Alternative bzw. Kombinationsmöglichkeit zur Heparinisierung bietet sich die Anwendung von Prostaglandinen an. Im wesentlichen kommen dabei 2 Präparate zur klinischen Anwendung Prostaglandin I2 und Prostaglandin E1.
PgI2 (Prostazyklin/Epoprostenol - Flolan®)
ist ein natürlich vorkommendes Prostaglandin,
das in der Intima von Blutgefäßen gebildet wird. Es wirkt auf die
Thrombozyten und inhibitiert deren Aggregation, Aktivierung und Adhäsion,
indem die cAMP-Konzentration dosisabhängig erhöht wird. Nach i.v.
Verabreichung von 4 ng/kg/min oder mehr wird diese ausgelöste Plättchenaggregation
signifikant gehemmt. Bei Dosen von 20 ng/kg/min und mehr werden auch zirkulierende
Thrombozytenaggregate aufgelöst und die Blutungszeit bis auf das Doppelte
des Normalwertes verlängert. PgI2 hat keinen Einfluss auf das intrinische
Gerinnungssystem. Der Metabolismus von PgI2 erfolgt durch spontane Hydrolyse
mit einer Halbwertszeit von 2-3 Minuten. Die Metaboliten werden renal ausgeschieden.
Im Gegensatz zu vielen anderen Prostaglandinen wird PgI2 während der
Passage durch den pulmonalen Kreislauf nicht metabolisiert. Als Nebenwirkungen
treten neben Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, Mundtrockenheit
und Gesichtsflush vor allem Hypotonien auf, die durch die starke vasodilatatorische
Wirkung von Prostazyklin erklärt werden können. Bedingt durch die
kurze Halbwertszeit sind die kardiovaskulären Nebenwirkungen, ebenso
wie die Wirkungen auf die Thrombozyten, innerhalb von 30 Minuten nach Beendigung
der Infusion reversibel.
Langenecker hat in einer Studie an 46 Intensivpatienten mit postoperativem
akutem Nierenversagen die Antikoagulation mit PgI2 mit und ohne Heparin im
Vergleich zur Standardheparinisierung untersucht. Er konnte zeigen, dass die
kombinierte Anwendung von PgI2 und Heparin ein besseres hämodynamisches
Profil und eine längere Funktionsdauer ohen ein erhöhtes Blutungsrisiko
aufwies. Die Zufuhr der Medikamente sollte ebenfalls vor dem Hämofiltrationsfilter
erfolgen. Devinport untersuchte PgI2 bei Patienten mit einem kombinierten
akuten hämofiltrationspflichtigen Nierenversagen und hepatischem Versagen
- eine Patientenpopulation, die sich durch ein extrem hohes Blutungsrisiko
auszeichnet. Verglichen zur Standardheparinisierung konnte durch die Antikoagulation
mit PgI2 eine signifikante Verlängerung der Filterlebensdauer erzielt
werden. Die Antikoagulation mit PgI2 scheint bei Patienten mit einem erhöhten
Blutungsrisiko gegenüber Heparin vorteilhaft zu sein. Ergänzend
muss allerdings aus der eigenen klinischen Erfahrung gesagt werden, dass an
unserer Intensivstation, auf der pro Tag ca. 70-80 Patienten kontinuierlich
hämo(dia)filtriert werden, in einigen Fällen nach der Anwendung
von PgI2 klinisch relevante respiratorische Nebenwirkungen mit Hypoxämien
aufgetreten sind, die uns zu einem Therapiestopp gezwungen haben. Eine Erklärung
dafür ist die unter Prostaglandinen ausgeprägtere intrapulmonale
Shuntentwicklung.
PgE1 (Alprostadil - Minprog®)
wird hauptsächlich in der Neonatologie zur zeitweiligen Aufrechterhaltung der Durchgängigkeit des Ductus arteriosus Botalli von Neugeborenen mit angeborenem zyanotischem Herzfehler verwendet. Die ausgeprägte antikoagulatorische Eigenschaft hat dazu geführt, dass Alprostadil, ebenso wie andere Prostaglandine bei speziellen Indikationen, als Antikoagulans bei extrakorporalen Therapieverfahren verwendet wird. PgE1 inhibiert den finalen gemeinsamen Weg aller intrazellulären Plättchenaktivierungsmechanismen. Im Unterschied zu PgI2 wird 80% des systemisch zirkulierenden PgE1 bei der 1. Lungenpassage vorwiegend durch Oxydation metabolisiert. Die Ausscheidung der Metaboliten erfolgt hauptsächlich über die Nieren. Die empfohlene Dosierung für die Antikoagulation bei extrakorporalen Therapieverfahren liegt bei 5 ng/kg/min. Bei einer inadäquaten Antikoagulation (z.B. häufiges Flitterclotting) kann unter Beachtung der höheren Blutungsgefahr Heparin in geringer Dosierung (z.B. beginnend mit 100 IE/kgKG/h), orientiert an einem aPTT-Wert um 35 sec, dazu kombiniert werden. Langenecker untersuchte die kombinierte Anwendung von Heparin mit 2 unterschiedlichen Dosierungen von PgE1 während der kontinuierlichen venovenösen Hämofiltration. Durch Erhöhung der PgE1-Dosierungen von 5 ng/kg/min auf 20 ng/kg/min konnte ohne Zunahme von Blutungskomplikationen die Filterfunktionsdauer signifikant verlängert werden. Trotz der sonst oft beschriebenen hämodynamischen Nebenwirkungen der Prostaglandine wurden keine klinisch relevanten Veränderungen der pulmonalen oder systemischen Hämodynamik gesehen:
| CVVHF/CVVHDF: Antikoagulation mit PgI2 / PgE1 |
| Infusionsort | vor dem Hämofiltrationsfilter |
| Dosierung: PgI2 (Flolan®) PgE1 (Minprog®) |
4 ng/kgKG/min 5 ng/kgKG/min (evtl. Steigerung bis 20 ng/kgKG/min) |
| Kombination mit Heparin | bei inadäquater Antikoagulation initial 50 - 100 IE/h (aPTT um 35 sec) |
| Problem | kein Laborparameter zur Therapiekontrolle |
Antikoagulation mit Heparinoiden
Heparinoide, vor allem Danaparaoid-Natrium und
Lepirudin, sind seit einiger Zeit als Antikoagulation bei extrakorporalen
Therapieverfahren in Verwendung. Die Hauptindikation in der Antikoagulation
von Patienten mit potentieller oder nachgewiesener Heparin-induzierter Thrombopenie.
Danaparoidnatrium (Orgaran®)
Danaparoidnatrium ist eine Mischung aus niedermolekularen
sulphatierten Glukosaminoglykanen, bestehend aus Heparansulfat, Dermatansulfat
und Condroitinsulfat. Die Anti FaktorXa-Aktivität (über Antithrombin
III) des Medikamentes ist mindestens 22-fach stärker als die Antithrombinaktivität
(hauptsächlich über Heparin Kofaktor II). In therapeutischer Dosierung
übt Danaparoidnatrium keinen oder nur einen sehr geringen Einfluss auf
Thrombozytenfunktion, -aggregation und -bildung aus, weshalb die Blutungszeit
in dieser Dosierung nicht verlängert ist. Die Effektivität von Danaparoidnatrium
als Antikoagulans bei extrakorporalen Therapieverfahren wurde bereits mehrfach
untersucht und bestätigt. Die Dosierungsempfehlung beinhaltet einen initialen
Bolus von 2000 anti-FaktorXa Einheiten (aFXaE) bei Patienten unter 55 kg Körpergewicht,
bzw. 2500 aFXaE bei Patienten über 55 kg Körpergewicht i.v. gefolgt
von einer kontinuierlichen Infusion von 600 aFXaE/h über 4 Stunden gefolgt
von einer Dauerinfusion von 200-600 aFXaE/h i.v. Die Therapiesteuerung orientiert
sich an den aFXa-Werten im Plasma, die in einem Bereich von 0,5 - 1,0 aFXaE/ml
zu halten sind. Diese Therapiesteuerung mittels des nicht routinemäßigen
anti-FaktorXa-Tests stellt auch das Hauptproblem der Therapie mit Danaparoidnatrium
dar. Die Notwendigkeit der laborgesteuerten Therapieeinstellung aller Patienten
wird allerdings kontraversiell diskutiert.
Unbestritten scheint, dass Patienten mit einem Körpergewicht von unter
55 kg Körpergewicht bzw. über 90 kg Körpergewicht, sowie Patienten
mit unklaren Blutungen überwacht werden sollten. Ein weiters Problem
stellen die langen Eliminationshalbwertszeiten, die für die aFXa-Aktivität
ca. 25 Stunden und für die Hemmung der Thrombinbildung ca. 8 Stunden
beträgt, dar, insbesondere da kein Antagonist zur Verfügung steht.
Im Falle von Blutungskomplikationen wird die Verabreichung von Frischplasmen
und Thrombozytenkonzentraten empfohlen. Im Extremfall kann auch die Durchführung
einer Plasmapharese versucht werden. Die langen Halbwertszeiten müssen
vor allem für die Therapiesteuerung vor invasiven Eingriffen, bei einer
eventuellen notwendigen Therapieunterbrechung und beim Wechsel auf orale Antikoagulatien
berücksichtigt werden. Wird Danaparoidnatrium in der Hauptindikation
HIT II verwendet, so müssen die für den Nachweis der HIT-Antikörper
verwendeten Blutproben noch vor Beginn der Therapie mit Danaparoid entnommen
werden, da Danaparoid zu falsch negativen Testergebnissen führen kann.
Lepirudin (Refludan®)
Lepirudin ist ein rekombinantes Hirudin, das aus Hefezellen gewonnen wird. Im Unterschied zum Heparin ist der antithrombotische Wirkungsmechanismus von Lepirudin unabhängig von Antithrombin III und bildet einen stabilen, nicht konvalenten Komplex mit Thrombinmolekülen. Dieser Lepirudin-Thrombin-Komplex verhindert die Fibrininformation und weitere hämostatische Reaktionen, wie die Aktivierung der Gerinnungsfaktoren V, VIII und XIII, sowie die thrombin-induzierte Thrombozytenaggregation. Lepirudin inhibiert dabei nicht nur freies, sondern auch thrombusgebundenes Thrombin, wodurch wandständige Thromben durch Lepirudin effektiver aufgelöst werden als durch Heparin. Die Aufwendung von Lepirudin als Antikoagulans bei extrakorporalen Therapieverfahren wurde ebenfalls schon öfters untersucht und nachgewiesen und wird als kontinuierliche intravenöse Infusion mit einer initialen Dosierung von 5 ng/kg/h empfohlen. Die Dosierungsanpassung (Infusionsrate) wird an die aPTT-Bestimmung angepasst, wobei die erste aPTT-Bestimmung ca. 4 Stunden nach Beginn der Therapie durchgeführt werden und mindestens 1 x täglich kontrolliert werden sollte. Der empfohlene aPTT-Zielbereich ist die 1,5 bis 3-fache Verlängerung des Normalwertes. Liegt der aPTT-Wert oberhalb des Zielbereiches, sollte die Infusion für 2 Stunden unterbrochen und bei Wiederaufnahme die Infusionsgeschwindigkeit um 50% reduziert werden. Ausscheidung und Metabolisierung des Medikamentes finden in der Niere statt und ca. 45% der verabreichten Dosis sind im Harn nachweisbar, wobei ca. 35% unverändert ausgeschieden werden. Bei älteren Patienten ist die systemische Clearance von Lepirudin ca. 25% niedriger als bei jungen Patienten, was hauptsächlich auf die Unterschiede in der renalen Funktion zurückgeführt werden kann. Als Nachteil der Therapie mit Lepirudin muss - wie auch für die anderen Heparinoide - bemerkt werden, dass kein Antidot zur Verfügung steht, was in der klinischen Praxis, vor allem bei Patienten mit hohem Blutungsrisiko, beachtet werden muss.
| CVVHF/CVVHDF: Antikoagulation mit Heparinoiden |
| Infusionsort | vor dem Hämofiltrationsfilter |
| Dosierung: Danaparoid (Orgaran®) Lepirudin (Refludan®) |
Bolus: < 55kgKG 2000 aFXa-Einheiten i.v. > 55 kgKG 2500 aFXa-Einheiten i.v. Kont.: 600 aFXa-Einheiten/h i.v. in den ersten 4 h 200-600 aFXa-Einheiten/h i.v. weiter Kont.: Beginn mit 0.005 mg/kgKG/h i.v. |
| Therapiesteuerung | Danaparoid: aFXa-Aktivität im Plasma Lepirudin: aPTT-Wert (1,5 - 3 x Norm) |
| Problem | kein Antidot |
Abschließend kann gesagt werden, dass nach wie vor unfraktioniertes
Heparin für die Antikoagulation bei extrakorporalen Therapieverfahren
das Mittel der 1. Wahl darstellt, und somit klinisch am häufigsten verwendet
wird. Die daraus resultierende hohe klinische Erfahrung bei der Anwendung
dieses Medikamentes verbunden mit der guten Steuerbarkeit und der Möglichkeit
der medikamentösen Reversierung des antikoagulatorischen Effektes stellt
einen großen Vorteil dieses Medikamentes gegenüber anderen möglichen
Antikoagulationsverfahren dar. Dennoch gibt es einige spezielle Indikationen
- HIT II, Patienten mit erhöhtem Blutungsrisiko, mangelhafte Antikoagulation
trotz hoher Heparindosierung mit daraus resultierender schlechter Hämofiltrationsleistung
- die den Einsatz alternativer Antikoagulationsverfahren notwendig werden
lassen.
Die therapeutische Wertigkeit dieser Alternativen bei speziellen klinischen Problemsituationen noch einmal zusammengefasst dargestellt:
1. Antikoagulation zur
CVVHF/CVVHDF bei Patienten mit HIT II:
Heparinoide - Mittel der 1. Wahl
Lepirudin (Refludan®)
Vorteil: Therapiesteuerung über aPTT
Nachteil: kein Antidot
Danaparoid (Orgaran®) - Nachteil: kein Antidot
Arachidonsäuremetaboliten
PgI2 (Flolan®)
PgE1 (Minprog®)
Nachteil: Monotherapie zur Antikoagulation oft nicht ausreichend
Niedermolekulare Heparine
Inzidenz von HIT II gegenüber unfraktioniertem Heparin zwar erniedrigt,
aber in vivo schwere Komplikationen möglich - deshalb obsolet
2. Antikoagulation zur
CVVHF/CVVHDF bei Patienten mit erhöhtem Blutungsrisiko
Regionale Antikoagulation mit Heparin/Protamin
Reduktion von Blutungskomplikationen für kontinuierliche extrakorporale
Therapieverfahren nicht signifikant
Niedermolekulare Heparine
Reduktion von Blutungskomplikationen nur für Langzeitanwendung nachgewiesen
Arachidonsäuremetaboliten
Gering signifikante Reduktion von Blutungskomplikationen nachgewiesen
Keine Antikoagulantientherapie
Bellomo et.al. fanden bei 10 Patienten mit erhöhtem Blutungsrisiko, die
keine Antikoagulationstherapie hatten, keinen signifikanten Unterschied in
der Filterfunktionsdauer gegenüber antikoagulierten Patienten
3. Antikoagulation zur
CVVHF/CVVHDF bei Patienten mit reduzierter Filterfunktionsdauer
Optimierung der plasmatischen Gerinnung
Obwohl noch in keiner Studie genau bewiesen, scheint unserer klinischen Erfahrung
nach, die Optimierung der plasmatischen Gerinnung eine bedeutende Rolle für
die Qualität der CVVHF/CVVHDF zu spielen. Bei Problempatienten streben
wir folgende Zielparameter an:
aPTT - 40-50 sec
PT > 60%
AT III > 90%
Prädilution - Zuführen
der Substitutionslösung vor dem Filter
Prädilution führt durch die Verdünnung der Gerinnungsfaktoren,
der Thrombozyten sowie des Hämatokrit vor dem Filter zu einer potentiellen
Erhöhung der Filterfunktionsdauer
PgE1 (Alprostadil -
Minprog®) / PgI2 (Flolan®)
PgE1 in der Dosierung um 20 ng/kgKG/min scheint zu einer signifikanten Zunahme
der Filterfunktionsdauer zu führen.
Literatur beim Verfasser - OA Dr. Andreas Mayr (Allgemein-Chirurgische Intensivstation)