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DAS
AKUTE NIERENVERSAGEN
A.Univ.-Prof. Dr. Michael Joannidis, Univ.-Klinik für Innere Medizin,
Innsbruck
DEFINITION
Das akute Nierenversagen
(ANV) ist charakterisiert durch einen rasanten Verlust der glomeruläre
Filtrationsrate und einer Retention harnpflichtiger Substanzen wie Harnstoff
und Kreatinin. Häufig damit verbunden sind Anurie bzw. Oligurie.
Aus Gründen der Praktibilität erfolgt die Einteilung nach
der Ätiologie in ein prärenales, renales und postrenales ANV.
INZIDENZ
Die Häufigkeit
des ANV bei stationären Patienten beträgt ca. 5%, auf Intensivstationen
bis zu 30% (1,2). Das ANV ist eines wesentliche Komplikation, die bei
Intensivpatienten mit einer Mortalität bis zu 30% verbunden ist.
In Österreich beträgt die Inzidenzrate des dialysepflichtigen
ANV 128 pro Mio. Einwohner (Dialyseregister der Österreichischen
Gesellschaft für Nephrologie).
ÄTIOLOGIE
Prärenales
ANV:
Diese Form stellt mit ca. 60% die häufigste Variante des ANV dar.
Sie wird hervorgerufen durch eine renale Minderperfusion, die einen
Abfall der Nierendurchblutung und in weiterer Folge der glomerulären
Filtrationsrate (GFR) nach sich zieht (Ursachen siehe Tabelle 1). In
dieser Situation stellt dies eine physiologische Reaktion der Niere
dar, die mit keinen wesentlichen morphologischen Schäden verbunden
ist und nach Wiederher-stellung der renalen Durchblutung voll reversibel
sein sollte. Bei prolongierter Minderperfusion kommt es jedoch zu Tubuluszellnekrosen
und damit erfolgt der Übergang ins ischämische ANV.
Tabelle 1
| Häufigste Ursache des prärenalen ANV |
| * |
Volumendepletion (z.B. Blutung, Flüssigkeitsverluste) |
| * |
Systemische Vasodilatation (z.B. Sepsis,
Anaphylaxie, Leberversagen, Intoxikation) |
| * |
Vermindertes Herzzeitvolumen (z.B. Linksherzsinsuffizienz,
Pulmonale Hypertonie, Lungenembolie, Mechanische Beatmung) |
| * |
Renale Vasokonstriktion (z.B. Sepsis,
Lebererkrankung, Hyperkalziämie, Noradrenalin) |
| * |
Pharmakologische Beeinflussung der renalen
Autoregulation (z.B. ACE-Hemmer, NSAR) |
Renales (intrinsisches) ANV:
Ungefähr ein Drittel aller ANV-Fälle fallen in diese Gruppe.
Das renale ANV kann nach pathologischen Kriterien in Erkrankungen der
großen Nierengefäße, der Glomerula und des Nierengefäßsystems,
in tubulointerstitielle Erkrankungen und in die akute tubuläre
Nekrose (ATN) eingeteilt werden. 90% der Fälle der renalen ANV
fallen in die Kategorie ATN (Tabelle 2).
Tabelle 2
| Häufigste Ursachen des renalen (intrinsischen)
ANV |
| Tubuluszellschädigung |
Ischämie
Medikamente/Toxine (z.B. Antibiotika, Zytostatika, Radiokontrastmittel)
Endogene Toxine (z.B. Myoglobin, Hämoglobin, Bence Jones Protein,
Harnsäure) |
| Akute tubulointerstitielle
Erkrankungen |
Allergische interstitielle Nephritis
Infektiöse Nephritis
Akute zelluläre Transplantabstossung |
Glomeruläre Erkrankungen
und
Veränderungen der kleinen Nierengefässen |
Akute (rapid progressive) Glomerulonephritis
Vaskulitis
Transplantabstossung
Maligne Hypertonie, Prä/Eklampsie
Sklerodermie
Röntgenkontrastmittel
Koagulopathien (Hämolytisch-urämisches Syndrom, Thrombotisch-thrombozytopenische
Purpura, Waterhouse Friedrichsen Syndrom, Hyperviskositäts-syndrom) |
| Erkrankungen der großen
Nierengefäße |
Nierenarterien (Thromboembolie, Cholesterinembolie,
Vaskulitis)
Nierenvenen (Thrombosen) |
Postrenales
ANV:
In weniger als 5% aller Fälle von ANV ist eine Abflussbehinderung
die Ursache. Bei zwei gesunden Nieren besteht als häufigste Ursache
des postrenalen ANV eine Obstruktion im Bereich des Blasenhalses (Tabelle
3).
| Häufigste Ursachen des postrenalen ANV |
| * |
Obstruktion des Blasenhalses (Steine,
Blutkoagel, Blasentumor, Prostatahypertrophie/Karzinom) |
| * |
Obstruktion beider Ureteren (Tumor,
Steine, Blutkoagel) |
PATHPHYSIOLOGIE
DER AKUTEN TUBULÄREN NEKROSE (ATN)
Die ATN ist weitaus
die häufigste Ursache für das ANV. Sie ist im wesentlichen
charakterisiert durch einen massiven Abfall der GFR bei unver-hältnismäßig
geringerer Beeinträchtigung der Nierendurchblutung. Als Ursache
der GFR-Reduktion werden verschiedene Mechanismen diskutiert (Abbildung
3).
Abbildung 3

a) Vaskuläre und glomeruläre
Effekte
b) Tubuläre Obstruktion und "Backleak" des Glomerulumfiltrats
c) Tubuloglomerulärer Feedback (TGF)
d) Tubuläre Zellschädigung
e) Entzündungsprozesse
a) Vaskuläre
und glomeruläre Effekte:
Abgesehen von systemischen Blutdruckabfällen (z.B. hypovolämer
Schock), kommt es auch bei anderen Schädigungsformen der Niere
zu einer intrarenalen Vasokonstriktion vermittelt durch verschiedene
Mediatoren, wie Endothelin-1, Adenosin, Angiotesin II. Zusätzlich
beobachtet man eine Kontraktion des Mesangiums mit einer daraus resultierenden
Verminderung der Filtrationsfläche im Glomerulum. Als dabei beteiligte
Mediatoren gelten Platelet activating factor (PAF), Thromboxan A2, Angiotesin
II. Schließlich führt der Verlust der Autoregulation zu einer
zusätzlichen Empfindlichkeit der Niere gegenüber Blutdruckschwankungen.
b) Tubuläre
Obstruktion und "Backleak" des Glomerulumfiltrats:
Ein völlig anderer Mechanismus, der hinter dem Abfall der GFR stehen
könnte, ist das Auftreten von Obstruktionen des Tubulussystems
beim ANV. Diskutiert werden einerseits die Ausbildung von Zylindern
besonders im distalen Tubulus, die eine Matrix aus Tamm-Horsfall-Protein
aufweisen. Für den Bereich des proximalen Tubulus wird ein anderer
Mechanismus diskutiert, nämlich der durch Hypoxie oder durch toxische
Zellschädigung bedingte Verlust der Polarität von Tubuluszellen.
In der Folge komme es zu einer Redistribution der ß1-Integrine
von der basolateralen auf die apikale Seite und zu einem Ablösen
der Tubuluszellen von der Basalmembran. Über Integrine und aus
der Basalmembran losgelöste RGD-Moleküle verklumpen die losgelösten
Tubuluszellen. Dabei kommt es einerseits zur Verlegung des Tubuluslumens
und andererseits zum "Zurücklecken" des von proximal
kommenden Filtrats ("Backleak") - Abbildung 1.
Abbildung 1

c) Tubuloglomerulärer
Feedback (TGF):
Als TGF bezeichnet man einen Mechanismus, mit dem die Filtration eines
einzelnen Nephrons reguliert wird. Bei Zunahme des NaCl-Gehalts im frühen
distalen Tubulus kommt es über eine Sensorfunktion der "Macula
densa" zu einer Reduktion der GFR desselben Nephrons (Abbildung
2). Dies wird durch eine vom Mesangium vermittelte Vasokonstriktion
in den Arteriolen und durch eine Verminderung der Filtrationsfläche
erzielt. Genaugenommen handelt es sich hierbei um einen physiologischen
Regulationsmechanismus, der das Einzelnephron vor Hyperfiltration schützen
soll und bei ANV "fälschlicherweise" dadurch aktiviert
wird, dass die NaCl-Resorption durch die tubuläre Schädigung
stark beeinträchtigt wird. Dies führt zu einer erhöhten
Flussrate im distalen Tubulus und/oder zu einem erhöhten NaCl-Angebot
im Bereich der "Macula densa", was schließlich zur Auslösung
der TGF führt.
Abbildung 2

d) Tubuläre
Zellschädigung:
Im Zusammenspiel bewirken die oben erwähnten Mechanismen, dass
es zur völligen Anurie kommen kann, selbst wenn die Niere nicht
irreversibel geschädigt ist. In den meisten Fällen (mit Ausnahme
von schweren toxischen Schädigungen) herrscht dabei ein morphologisch
sehr heterogenes Bild von Gebieten mit tubulärer Zellschädigung
und fast unversehrten Arealen vor. Dies ist eine Folge der unterschiedlichen
Sauerstoffversorgung der Niere, die auf ihrer speziellen Architektur
beruht. Besonders im inneren Nierenmark (Medulla), einem Bereich, wo
einerseits sehr großer Sauerstoffbedarf und andererseits, durch
das Gegenstromprinzip bedingt, eine grenzwertige Sauerstoffversorgung
besteht, komme es zu lokalen Zellnekrosen in den Arealen, die am weitesten
von den Vasa recta entfernt sind. Die am meisten betroffenen Tubulusabschnitte
sind die Henle'sche Schleife und das S3 Segment des proximalen Tubulus.
Neben Hypoxie dürften Sauerstoffradikale und Lipidperoxydation
eine wesentliche Rolle für die tubuläre Zellschädigung
spielen (3,4). Trotz dieser Heterogenität im Schädigungsmuster
der Niere beim ANV kommt es fast immer zu einer generalisierten Antwort
der Niere im Sinne eines dramatischen GFR-Abfalls und Oligurie/Anurie.
e) Entzündungsprozesse:
Entzündungsprozesse sind besonders beim ANV im Rahmen einer Sepsis
von Bedeutung, wo es zwar ebenfalls zu einer systemisch bedingten renalen
Minderdurchblutung kommen kann, aber auch bei intakter Kreislaufsituation
ein ANV auftreten kann. Hier dürften Zytokine wie TNFa, IL-1, IL-6,
IL-8 eine wesentliche Rolle spielen. Unklar ist, ob Zytokine dabei direkt
auf das renale Gefäßsystem oder die Glomerula wirken, oder
ob eventuell durch filtrierte Endotoxine oder Zytokine (z.B. TNFa) im
Tubulussystem immunologische Antworten ausgelöst werden, die ihrerseits
wieder eine Freisetzung von Zytokinen in den Harn oder ins Interstitium
zu Folge haben. Ins Interstitium ausgeschüttete Zytokine bewirken
im Sinne einer Chemotaxis das Auswandern von Entzündungszellen
aus dem Gefäßbett und rufen somit eine interstitielle Entzündungsreaktion
hervor. Interstitielle Leukozyteninfiltration ist ein Kardinalereignis
bei fast allen Nierenerkrankungen und bei Ischämie/Reperfusion.
Zu dieser Hypothese passen auch tierexperimentelle Untersuchungen, in
denen die Dauer des ANV durch neutralisierende AK gegen CD 11a/CD 18
oder ICAM (5,6) verkürzt werden kann.
KLINISCHER VERLAUF
Das prärenale ARF ist üblicherweise
nach Wiederherstellung einer adäquaten Nierendurchblutung reversibel,
was durch die Therapie der Grund-krankheit erfolgt. Eine länger
dauernde Minderperfusion der Niere geht in eine ischämische ATN
und damit in ein renales ANV über.
Die ATN zeigt im Verlauf drei Phasen:
a) Akute ischämische/toxische
tubuläre Schädigung und Beginn des ANV meist mit Oligurie/Anurie
(nicht oligurisches ANV meist bei Nephrotoxinen).
b) Die Erhaltungsphase des ANV ist gekennzeichnet durch eine
Stabilisierung der GFR auf einen Wert < 10 ml/min. Das Harnzeitvolumen
erreicht dabei sein Minimum. Die Dauer dieser Phase beträgt üblicherweise
1-3 Wochen (in seltenen Fällen wurden Zeiträume von 1-12 Monaten
beobachtet). Allerdings besteht eine eindeutige Korrelation zwischen
der Dauer der Erhaltungsphase und der Wahrscheinlichkeit einer permanenten
Niereninsuffizienz. Während der Zeit der Erhaltungsphase des ANV
besteht wegen des Verlusts der Autoregulationfähigkeit der Niere
eine deutlich erhöhte Empfindlichkeit für weitere Nierenschädigungen,
z.B. durch Minderperfusion infolge von Blutdruckschwankungen.
c) Die Erholungsphase ist gekennzeichnet durch einen stetigen Abfall
der harnpflichtigen Substanzen, meist verbunden mit einer Polyurie.
In dieser Phase ist eine adäquate Flüssigkeits- und Elektrolytbilanzierung
essentiell.
Das postrenale ANV wird durch Behebung
der Obstruktion behandelt. Es folgt meist eine vorübergehende Phase
von postobstruktiver Polyurie, die exzessive Ausmaße annehmen
und schwere Störungen des Elektrolyt- und Flüssigkeitshaushaltes
nach sich ziehen kann.
DIAGNOSE
Der Ausschluss eines postrenalen ANV erfolgt
auf einfache Weise mittels einer Ultraschalluntersuchung und Ausschluss
einer Abflussbehinderung. Die klinisch wichtigste und meist auch schwierigste
Differentialdiagnose ist die Unterscheidung von prärenalem ANV
und ATN. Ein wesentliches Hilfsmittel stellt dabei zusätzlich zur
Anamnese die Harnanalyse dar (Tabelle 5).
Tabelle 5
| Differentialdiagnostik: prärenale Azotämie
vs. ATN |
| |
prärenales ANV |
ATN |
| Harnsediment |
normal, hyaline Zylinder |
Tubuluszellen, "muddy brown" |
| Harnosmolarität |
> 500 |
< 250 |
| Harn/Serum, Kreatinin-Quotient |
> 40 |
< 20 |
| Harnstoff/Kreatinin-Quotient |
> 40:1 |
20-30:1 |
| FENa (%)* |
< 1% |
> 2% |
| Na (mmol/l) |
< 10 |
> 20 |
|
* FENa = Una *Pcr/(Pna * Ucr) * 100 |
THERAPIE
Neben der Behandlung der jeweiligen
Grundkrankheit besteht die Behandlung der ATN im wesentlichen in der Nierenersatztherapie.
In letzter Zeit mehren sich Daten, dass aufgrund besserer hämodynamischer
Verträglichkeit und adäquaterer Kontrolle des Flüssigkeitshaushaltes
den kontinuierlichen Nierenersatzhtherapieformen (z.B. kontinuierliche
veno-venöse Hämofiltration) gegenüber intermittierenden
Verfahren der Vorzug zu geben ist (7,8). Spezifische konservative Therapieversuche
für das ANV waren bisher wenig erfolgreich. Ein erfolgsversprechendes
Gebiet könnten Wachstumsfaktoren (z.B. IGF-1, EGF, HGF) darstellen,
welche die Regeneration des Tubulusepithels beschleunigen (9).
PROGNOSE
Die Mortalität des intrinsischen
ANV beträgt seit ca. drei Jahrzehnten unverändert durchschnittlich
50%. Besonders schlechte prognostische Faktoren sind Anurie/Oligurie,
schneller Anstieg des Serum Kreatinins, hohes Alter und Mehrorganversagen
(multiple organ failure = MOF). Patienten, die das ANV überleben,
besitzen eine hohe (ca. 50%) Wahrscheinlichkeit, eine für ein normales
ausreichende Nierenfunktion wiederzuerlangen.
PROPHYLAXE
Eine wesentliche klinische Bedeutung
kommt der Prophylaxe des ANV zu. Ein Hauptrisikofaktor für die Entwicklung
eines ischämischen ANV besteht in intravasaler Volumendepletion und/oder
vermindertem Herzzeitvolumen. Hypovolämie ist auch ein wesentlicher
prädisponierender Faktor für ein toxisches ANV durch Aminoglykoside,
Amphotericin B, Röntgenkontrastmittel, Zytostatika, Rhabdomyolyse,
multiples Myelom und bei der Uratnephropathie. Aggressive Flüssigkeitssubstitution
und Optimierung der kardialen Auswurfleistung sind somit die wichtigsten
und erfolgreichsten Maßnahmen zur Vermeidung eines ANV.
Für einige spezielle Formen des
ANV wurden in letzter Zeit erfolgreiche prophylaktische Maßnahmen
beschrieben:
Kontrastmittelnephropathie
Der vermutlich wichtigste pathophysiologische Mechanismus bei diesem
Krankheitsbild ist eine intrarenale Vasokonstriktion. Diese wird vermutlich
durch die Freisetzung von Endothelin, Adenosin oder die hohe Osmolarität
von ionischem Kontrastmittel selbst verursacht.
Erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Kontrastmittelnephropathie
besitzen Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz, Volumendepletion,
Diabetes Mellitus, chronischer Niereninsuffizienz und multiplem Myelom.
Der typische Verlauf besteht in einem akuten Abfall der GFR innerhalb
von 24-48 h nach intravenöser Verabreichung eines Röntgenkontrastmittels.
Der Gipfel des Kreatininanstiegs wird innerhalb einer Woche erreicht.
Anschließend kommt es in den meisten Fällen zu einer Normalisierung.
Als wirksamste prophylaktische Maßnahmen erwiesen sich bisher
die Verwendung von nicht-ionischen Kontrastmitteln und die intravenöse
Gabe von 0.45% NaCl mit einer Rate von 1 ml/kg KG/h 12 Stunden vor und
nach der Untersuchung. Zusätzliche erfolgversprechende Maßnahmen
sind die intravenöse Verabreichung von Prostaglandin E1 (20 µg/kg
KG/min über 6 h, Beginn 1 h vor KM-Gabe) (10) und die orale Verabreichung
von N-Acetylcystein (2 x 600 mg/d am Vortag und am Tag der Untersuchung)
(11). Die einfache Verabreichung und de facto Nebenwirkungsfreiheit
dieser Substanz machen N-Acetylcystein besonders interessant.
Rhabdomyolyse
ANV wird nach Muskelzellnekrosen durch Traumata (z.B. Verschüttung),
nach generalisierten Krämpfen (speziell bei gleichzeitig bestehender
Hypokaliämie), bei komatösen Zustandsbildern (Drucknekrosen),
als Folge einer Hypophosphatämie oder durch direkte alkoholtoxische
Muskelschädigung beobachtet (12). Dies führt zur Freisetzung
von Myoglobin, einem kleinen momomeren Protein (Molekulargewicht 17
kD), das sich üblicherweise nicht an Plasmaproteine bindet und
aus diesem Grund sofort über die Niere ausgeschieden wird.
Das daraus resultierende
Nierenversagen beruht auf verschiedenen Mechanismen:
1) Obstruierende intratubuläre Pigmentzylinder
2) Hypovolämie als Folge der Flüssigkeitssequestration in
die verletzten Muskeln und daraus resultierende renale Minderperfusion
(Myoglobin hemmt vermutlich den vasodilatatorischen Effekt von Stickstoffmonoxyd
(NO))
3) Schädigung des proximalen Tubus durch aus Myoglobin freigesetztem
Eisen
Die Diagnose der Rhabdomyolyse
erfolgt über pigmentierte granuläre Zylinder im Harn, rötliche
bis braune Farbe des Harnüberstands nach Zentrifugation und deutliche
Erhöhung der Serumkreatinin-Kinasespiegel (CK). Obwohl die Höhe
des CK-Anstiegs nicht eindeutig mit der Wahr-scheinlichkeit ein Nierenversagen
zu entwickeln korreliert, zeigte eine Analyse von Wort und Mitarbeitern,
dass 58% der Patienten, die nach Rhabdomyolyse ein ANV entwickelten,
CK-Spiegel > 16.000 U/l aufwiesen, während dies nur bei 11%
von den Patienten der Fall war, die kein ANV entwickelten (13). Weitere
in diesem Zusammenhang auftretende laborchemische Veränderungen
können Hyperkaliämie, Hyperphosphatämie, Hypokalzämie
und Hyperurikämie sein. Die Hyperphosphatämie kann fehlen,
wenn eine Hypophosphatämie Ursache für die Entwicklung der
Rhabdomyolyse war.
Der Erfolg einer Behandlung hängt von einem möglichst frühen
Zeitpunkt des Therapiebeginns ab und beruht auf zwei wesentlichen Prinzipien:
Hydrierung und
forcierte Diurese (14,15)
Die Hydrierung soll initial mit physiologischer Kochsalzlösung
erfolgen, um die Nierenperfusion und den Harnfluss wieder herzustellen.
Aufgrund von Erfahrungen mit Traumapatienten werden bis zu 12 Liter
Flüssigkeitszufuhr pro Tag empfohlen, solange eine adäquate
Nierenfunktion besteht. Aufgrund derselben Studie sollten forcierte
Diurese und Alkalisierung des Harns mittels einer Mannit-Bicarbonat-Infusionslösung
solange durch-geführt werden, bis die Myoglobinurie sistiert (z.B.
10 g Mannit und 40 meq Natrium-Bicarbonat zu 1 Liter 0,45% iger Kochsalzlösung
geben) (16). Ziel sollte es sein, einen Harnfluss von mindestens 300
ml/h, sowie einen Harn-pH > 6,5 zu erzielen, um die Löslichkeit
der Hämpigmente zu gewährleisten und somit die Bildung von
tubulären Zylindern zu verhindern. Der protektive Effekt von Mannit
beruht einerseits auf dessen Fähigkeit, die intratubuläre
Myoglobinausfällung zu verhindern, und andererseits eine Zellschädigung
aufgrund seiner Eigenschaften als Radikalfänger zu verringern.
Während der Mannit-Therapie muss die Serumosmolarität wiederholt
kontrolliert werden, um eine hyperosmolare Entgleisung zu vermeiden.
Dies ist von besonderer Bedeutung, falls es zu einem Abfall der GFR
und damit zu einer Akkumulation von Mannit im Serum kommt.
Hepatorenales
Syndrom (HRS)
Das hepatorenale Syndrom charakterisiert üblicherweise das Endstadium
einer verminderten Nierendurchblutung. Das HRS tritt üblicherweise
bei Patienten mit Leberzirrhose auf, kann aber auch im Rahmen einer
akuten Hepatitis oder eines fulminanten Leberversages beobachtet werden.
Die Diagnose HRS erfolgt nach Ausschluss anderer Ursachen eines Nierenversagens
(bei Patienten mit Leberzirrhose ist das meistens das prärenale
ANV oder die ATN). Der genaue Pathomechanismus ist immer noch Gegenstand
von Untersuchungen. Es gilt aber als wahrscheinlich, dass eine ausgeprägte
kortikale Ischämie als Antwort auf den verminderten peripheren
Widerstand eine wesentliche Rolle spielt (17). Untersuchungen an Patienten
mit HRS, definierten als Risikofaktoren für die Entwicklung dieses
Syndroms eine kleine Lebergröße, ein aktiviertes Renin-Angiotensin-Aldosteronsystem
und erhöhte Vasopressinspiegel (18). Andere mögliche Mediatoren
des HRS sind Endotoxin (dies könnte sowohl die Ursache für
die renale Vasokonstriktion, als auch für die periphere arterielle
Vasodilatation darstellen), vasokonstriktorische Thromboxane und Endothelin
(19).
Es werden 2 Formen des hepatorenalen Syndroms
unterschieden (20):
HRS Typ I
Dieses stellt die schwerere Form des HRS dar und ist gekennzeichnet
durch einen mehr als 50%igen Verlust der GFR bzw. doppelten Anstieg
des Serum-Kreatinins auf Werte über 2.5 mg% innerhalb von 2 Wochen,
begleitet von Anurie bzw. Oligurie.
HRS Typ II
Diese Form ist gekennzeichnet durch einen weniger dramatischen Verlust
der Nierenfunktion und vor allem durch einen diuretikaresistenten Aszites.
Die Symptome und diagnostischen Zeichen ähneln der prärenalen
Azotämie, sodass folgende Kriterien vorgeschlagen werden:
* Über Tage oder Wochen ansteigendes Serumkreatinin > 1,5 mg/dl
bei Patienten mit schwerer, akuter oder chronischer Lebererkrankung
und portaler Hypertension
* Der Ausschluss anderer Ursachen des ANV
* Harn-Natrium < 10 meq/l
* Fehlende Verbesserung der Nierenfunktion nach Auffüllung des
Kreislaufvolumens und Absetzen von allenfalls verabreichten Diuretika
und nicht-steroidalen Antirheumatika
Das HRS ist eine Ausschlussdiagnose. Vor
allem müssen die akute tubuläre Nekrose (ATN) oder
ein prärenales Nierenversagen ausgeschlossen werden. Diuretika
sollten abgesetzt und Flüssigkeitsvolumen substituiert werden.
Das HRS ist üblicherweise irreversibel, solange sich die Leberfunktion
nicht verbessert.
Experimentelle Therapieansätze beinhalten die Kombinationen von
ADH Analoga (z.B. Onipressin (21)) mit Volumenexpansion durch Albumin
oder die kombinierte Gabe von alpha-mimetisch wirksamen Substanzen mit
Octreotid (22) oder N-Acetylcystein (23). Der TIPS verbessert die glomeruläre
Filtrationsrate, ist aber mit einer höheren Inzidenz von hepatischen
Enzephalopathien verbunden (24). Falls keine Wiederherstellung der Nierenfunktion
möglich ist, erfolgt eine Nierenersatztherapie mittels Hämodialyse
oder kontinuierlicher Hämofiltration, wobei das Überleben
unter diesen therapeutischen Maßnahmen von einer Erholung der
Leberfunktion abhängt. Nach erfolgreicher Lebertransplantation
verbessert sich üblicherweise die Nierenfunktion.
Aminoglykosid
induziertes ANV
ATN durch Aminoglykoside tritt bei 10-20% der behandelten Patienten
auf. Aminoglykoside werden frei filtriert, ihre toxische Wirkung entfalten
sie hauptsächlich in proximalen Tubuluszellen nach tubulärer
Rückresorption. Aminoglykosid-induziertes ANV ist frühestens
nach 1 Woche Therapie-dauer zu erwarten. Nach einer zweiwöchigen
Aminoglykosidtherapie steigt die Häufigkeit der Nierenschädigung
von ca. 20% auf über 50% an (25). Das Risiko wird durch gleichzeitige
Verabreichung von Vancomycin starkt erhöht (26). Aminoglykoside
können auch bei normalen Serumspiegeln zur Nierenschädigung
führen, es besteht jedoch eine Korrelation zur Höhe des Serumspiegels.
Risikofaktoren, welche die Wahrscheinlichkeit von ANV erhöhen,
sind hohe kumulative Dosen, Volumendepletion (Diuretika), Sepsis, Lebererkrankungen
(besonders Leberzirrhose), und/oder andere Nephrotoxine (z.B. Amphotericin
B, Vancomycin).
Prophylaktische Maßnahmen sind Einmaldosierungen der Aminoglykoside,
Alkalisierung des Harns mit Bicarbonat und Volumenexpansion. Weiters
bestehen Hinweise, dass die gleichzeitige Verabreichung von Diltiazem
oder Penicillinen (z.B. Ticarcillin, Piperacillin) die Aminoglykosid-toxizität
vermindern.
Amphotericin B
induziertes ANV
Die intravenöse Gabe von Amphothericin B führt rasch zur Verminderung
des renalen Blutflusses und der GFR um 20-40%. Der zugrundeliegende
Mechanismus ist eine intrarenale Vasokonstriktion. Nach längerer
Therapie folgen Kalziumablagerungen in den Tubuluszellen und schließlich
eine renale tubuläre Azidose (RTA). Die Nierenfunktionseinschränkung
ist üblicherweise reversibel (27).
In Kombination mit anderen Nephrotoxinen (z.B. Aminoglykosiden) oder
einer Hypovolämie kann es zum ANV kommen. Prophylaktische Maßnahmen
sind eine agressive Hydrierung (isotone Kochsalzlösung) oder die
Verwendung von liposomalen Verabreichungsformen.
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