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DER SÄURE-BASEN-HAUSHALT Dr.
Petra Hobisch-Hagen, Abt. für Anästhesie, LKH Feldkirch
GRUNDLAGEN Allgemeines Der pH-Wert ist definiert als der negativ dekadische Logarithmus der Wasserstoffionenkonzentration. In einer pH-neutralen Flüssigkeit, z.B. Wasser, beträgt der pH-Wert 7, die Wasserstoffionenkonzentration als 10-7 mol/l. Die Henderson-Hasselbalchgleichung wird zur Berechnung des Blut pH-Wertes herangezogen: pH = pk + log(HCO3-/CO2) Aus der Henderson-Hasselbalchgleichung kann abgeleitet werden, dass der pH-Wert des Blutes maßgeblich vom Verhältnis HCO3- und CO2 bestimmt wird. Der Bikarbonat/CO2-Puffer ist der wichtigste extrazelluläre Puffer und macht 80% der extrazellulären Pufferkapazität aus. Der intrazelluläre pH-Wert Der intrazelluläre pH-Wert liegt
zwischen 6,9 und 7,2. Er ist schwer direkt zu messen, steht aber physiologischerweise
in konstantem Verhältnis zum extrazellulären pH-Wert. Die Zellen
haben eigene intrazelluläre Puffersysteme, die Veränderungen
des intrazellulären pH-Wertes bis zu einem bestimmten Grad ausgleichen
können. Fallen vermehrt intrazellulär Säuren an, z.B. intrazelluläre
Belastung mit CO2, werden andere saure Stoffwechselprodukte (z.B. Pyruvat,
Laktat, Zitrat, alpha-keto-Glutarat, Maleat, Glutamat, Aspartat) vermehrt
nach extrazellulä oder in die Zellorganellen transportiert, um den
pH-Wert des Zytosols konstant zu halten. Weiters hemmt die Anreicherung
von Zellen mit nicht-volatilen Säuren die Glykolyse, erhöht
somit u.a. die Konzentration von Glucose-6-Phosphat, welches intrazellulär
als Puffersubstanz wirkt. Säureproduktion, Transport und Exkretion im Organismus Das Konzentrationsgleichgewicht saurer und basischer Metabolite ist durch die ständig im Stoffwechsel entstehenden nicht-volatilen oder metabolischen Säuren (40-80 mmol/24 h) und dem aus der oxidativen Verbrennung von Kohlehydraten und Fetten hervorgehende CO2 (ca. 280-450 l/Tag) gefährdet. Wesentliche Abweichungen des extrazellulären und in weiterer Folge des intrazellulären pH-Wertes beeinträchtigen die Zellfunktion. Darum sorgen extrazelluläre Regulationssysteme, dass sich der pH-Wert im Körper nur wenig verändert. Die drei wichtigsten Organe in der Regulation des extrazellulären pH-Wertes sind die Lunge, die Niere und die Leber. Lunge Die Hauptfunktion der Lunge besteht in der Abatmung der volatilen Säure CO2. Fallen vermehrt Protonen im Zellstoffwechsel an, so werden diese durch HCO3 neutralisiert. Dabei entsteht Kohlensäure (H2CO3). Die Kohlensäure bildet schließlich Wasser und CO2. Letzteres wird über die Lunge abgeatmet. Die Atmung reagiert innerhalb weniger Minuten auf Veränderungen der extrazellulären Protonenkonzentration, da ein Abfall des pH-Wertes (über Chemorezeptoren im Bereich des Glomus Caroticum und des ZNS) die Atmung steigert und umgekehrt. Niere Die Niere reguliert die extrazelluläre
Protonenkonzentration, indem sie Protonen direkt ausscheiden und HCO3-
rückresorbieren kann. * Exkretion mit Ammoniak (ca. 50 mval
pro Tag) Bei metabolischen Azidosen kann die Nierenexkretion von Säuren um das 4-6fache gesteigert werden. Leber In der Leber wird aus HCO3- und NH4+
Harnstoff synthetisiert, der mit dem Urin ausgeschieden wird. Eine Abnahme
der Harnstoffsynthese führt folglich zu einer Einsparung von HCO3-.
So wird bei Azidosen die Harnstoffsynthese gehemmt und bei Alkalosen gesteigert.
Die Leber verstoffwechselt außerdem Protonen bei der Bildung von
Glukose aus Laktat. Bei der Verstoffwechslung von 2 Laktationen werden
unter Verbrauch von Puffersysteme Die wichtigsten extrazellulären
Puffersysteme sind das CO2/HCO3-System, Hämoglobin und die Plasmaproteine.
Die wichtigsten intrazellulären Puffer sind Phosphatverbindungen
und Proteine. Patienten mit Anämie, niedrigem Plasmaproteingehalt
oder verminderter Muskelmasse haben eine reduzierte Pufferkapazität.
Deshalb führen Säure-Basen-Störungen bei diesen Patienten
oft zu ausgeprägten Veränderungen der Homöostase. PH-Wert und Elektrolyte PH-Änderungen führen zu Elektrolytverschiebungen
zwischen extra- und intrazellulärem Raum. Ein erniedrigter pH-Wert
hemmt die Na+/K+-Pumpe, die normalerweise Natrium nach extrazellulär
und Kalium nach intrazellulär pumpt und erhöht damit die extrazelluläre
Kaliumkonzentration.
Die Serumchlorid- (Cl-) und Bikarbonatkonzentrationen
(HCO3-) verändern sich im Sinne der Elektroneutralität
entgegengesetzt. Patienten mit metabolischer Alkalose haben oft abnorm
erniedrigte Plasmachloridkonzentrationen und umgekehrt (hypochlorämische
Alkalose; hyperchlorämische Azidose). STÖRUNGEN DES SÄURE-BASEN-HAUSHALTS Respiratorische Störungen
Respiratorische Azidosen Akut respiratorische Azidose
Chronische respiratorische Azidose
Ursachen Respiratorische Azidosen beruhen prinzipiell auf einer verminderten Abatmung von CO2, also einem ventilatorischen Versagen. Hierbei wird zwischen pulmonalen (Erkrankungen der Lunge oder der Lungengefäße) und extrapulmonalen Ursachen (Erkrankungen der Atemmuskulatur oder des zentralen Atemantriebs) unterschieden. Kompensation Akut führt ein Anstieg des CO2 zu einer Erhöhung
der Bikarbonatkonzentration. Das ist dadurch bedingt, dass CO2 mit H2O
Kohlensäure bildet, welche schließlich zu HCO3 und H+ dissoziert.
Dieser Vorgang wird durch das Enzym Carboanhydrase in Erythrozyten um
ein vielfaches beschleunigt. Ohne jede renale Kompensation muss also eine
Erhöhung des CO2 zu einer Erhöhung des HCO3 führen. Bei
akuten respiratorischen Azidosen kann ein HCO3-Anstieg bis maximal 30-32
mmol/l beobachtet werden.
Klinische Auswirkungen eines erhöhten CO2 1. ZNS: Somnolenz, Ängstlichkeit, Verwirrtheit,
Psychose, Tremor, Kopfschmerzen
Respiratorische Alkalosen Akute respiratorische Alkalose
Chronische respiratorische Alkalose
Ursachen Zu den wichtigsten Ursachen einer respiratorischen Alkalose zählen: * Reaktion auf Hypoxämie (kompensatorische Hyperventilation) Hyperventilation im Rahmen von * psychische Ursachen
Kompensation Akut führt ein Abfall des pCO2 zu einer Erniedrigung
der Bikarbonat-Konzentration. Das ist dadurch bedingt, dass sich HCO3-
und H+ zu Kohlensäure verbinden. Kohlensäure wiederum zerfällt
zu CO2 und H2O. Damit wird der Abfall des pCO2 durch eine Reduktion des
CO2-Speichers Bikarbonat kompensiert.
Klinische Auswirkungen eines erniedrigten CO2: 1. ZNS: Konfusion, Schwindel, Krämpfe, Parästhesien
Metabolische Störungen
Metabolische Azidosen Metabolische Azidosen liegt eine erhöhte Säureproduktion (Additionsazidose) oder verminderte Bikarbonat-Konzentration (Subtraktionsazidose) zugrunde. Das Konzept des Anionengaps In allen Körperflüssigkeiten herrscht Elektroneutralität, d.h. die Anzahl positiver und negativer Ladungen muss immer gleich groß sein. Der Anionengap zeigt die Konzentration normalerweise nicht laborchemisch gemessener negativ geladener Teilchen im Blut an.
Bei exzessiver Produktion nicht-volatiler Säuren steigt der Anionengap. Bei Azidosen durch Bikarbonatverluste bleibt der Anionengap unverändert. Einschränkungen des Anionengaps Der AG hat zahlreiche Einschränkungen, die bei
klinischen Interpretationen berücksichtigt werden müssen. Zum
Beispiel fand sich in einer Untersuchung nur bei 40% aller Patienten mit
z.T. schwerer Laktatazidose ein erhöhter AG (niedrige Sensitivität
des AG). Hingegen war bei den Patienten mit erhöhtem AG in ca. 90%
der Fälle eine Laktatazidose zu finden (gute Spezifität des
AG). Anionengap-Azidosen
Laktatazidosen Laktatazidosen können in Typ A und Typ B Azidosen
unterteilt werden. Für den Kliniker wesentlich ist die Tatsache, dass die Blutlaktatkonzentration offensichtlich unabhängig vom Vorhandensein einer Azidose gut mit der Mortalität der Patienten korreliert. In einer frühen Untersuchung konnte Iberti bei 56 Intensivpatienten zeigen, dass die Höhe der Blutlaktatkonzentration direkt mit der Mortalität korreliert. Patienten mit Laktatkonzentrationen von 2.5 - 4.9 mmol/l zeigten eine Mortalität von 36%. Laktatwerte von 5 - 9.9 mmol/l waren mit einer Mortalität von 75% und Laktatkonzentrationen über 10 mmol/l mit 100% Mortalität assoziiert. Obwohl diese Absolutwerte heute bestimmt nicht mehr dieselbe Gewichtung haben, bleibt die Tatsache bestehen, dass hohe Laktatkonzentrationen unabhängig vom Grad der begleitenden Azidose mit einem schlechten Outcome verbunden sind. Ketoazidosen Ketoazidosen entstehen bei vermehrtem Anfall von Ketonkörper
im Blut. Eine stark erhöhte Lipolyse und ein vermehrter Anfall freier
Fettsäuren und Ketonkörper findet man bei absolutem Insulinmangel
(diabetische Ketoazidose, Insulin hemmt normalerweise die Lipolyse) oder
bei großem Stress (hohe Katecholamin-Spiegel). Eine hohe exogene
Fettzufuhr kann ebenso zu unvollständiger Fettverbrennung und Bildung
von Ketonkörpern führen.
Diabetische Ketoazidose Auftreten vor allem bei insulinpflichtigen Diabetikern. Alkoholische Ketoazidose Der typische Patient ist mangelernährt und chronischer
Alkoholiker. Meistens geht der Entstehung der alkoholischen Ketoazidose
eine Nahrungskarenz von 24-36 Stunden voraus. Oft findet sich vor der
Nahrungskarenz eine übermäßige Alkoholeinnahme. Ketoazidose nach langem Fasten Durch verminderte Kohlehydratzufuhr kann bei langem Fasten eine Ketoazidose entstehen. Da das Gehirn, die Erythrozyten und das Nierenmark nur Kohlehydrate und Ketonkörper zur Energiegewinnung verwenden können, kommt es bei langem Fasten zur übermäßigen Bildung von Ketonkörper durch gesteigerte Lipolyse. Pseudoketose Vergiftungen mit Essigsäure und Chloressigsäure können den Ketontest positiv machen und so fälschlicherweise eine Ketoazidose vortäuschen. Urämische Azidose Nach Abfall des Glomerulumfiltrats < 40 ml/min entwickeln Patienten häufig eine zunehmende metabolische Azidose durch Retention von nicht-volatilen metabolischen Säuren. Methanolvergiftung Allgemeines: Letale Dosis ca. 30 ml Methanol.
Spitzenblutspiegel nach 30 bis 60 Minuten. Latenzzeit bis zum Beginn der
Symptomatik: ca. 12 - 24 Stunden. Äthylenglykolvergiftung Allgemeines: Vorkommen in Antigefriermitteln,
Bremsflüssigkeit, Lösungsmitteln, Farbverdünnungsmitteln. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||