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SUPRAVENTRIKULÄRE TACHYKARDIEN
BEIM CHIRURGISCHEN INTENSIVPATIENTEN Einleitung Während die Therapie supraventrikulärer
Tachkardien (SVT) bei internistischen Patienten inzwischen etabliert
und in hohem Maß erfolgreich ist, sind Ursachen und Mechanismen
akuter postoperativer Rhythmusstörungen weit weniger gut untersucht.
Im Gegensatz zum internistischen Patienten sind postoperativ auftretende
SVT in den meisten Fällen symptomatisch, hämodynamisch wirksam
und bedürfen umgehender, effektiver Behandlung. Tabelle 1: Häufigkeit von SVT in einem gemischten chirurgisch-intensivmedizinischen Patientengut
Als paroxysmale SVT wurden alle Schmalkomplex-Tachykardien, die nicht eindeutig zu klassifizieren waren, definiert. SVT - das klinische Problem Beim chirurgischen Intensivpatienten verlängern
SVT den Intensivstationsaufenthalt und sind mit einer Erhöhung
der Intensivstationsmortalität um ca. das Dreifache vergesellschaftet.
Der Verlust der Vorhofaktion führt vor allem beim alten Patienten
zur deutlichen Abnahme des Schlagvolumens und des Herzminutenvolumens.
Bei Patienten mit bereits eingeschränkter Herzpumpenleistung kann
das Auftreten von SVT zum kardiovaskulären Versagen mit "Low
Output" und signifikanter Hypotension führen. Das Herz-Kreislaufvolumen
macht häufig den Einsatz oder die Steigerung einer positiv inotropen
oder vasokonstriktorisch wirkenden Katecholamintherapie notwendig, welche
durch direkte Medikamentenwirkung am Herzen und Steigerung des myokardialen
Sauerstoffverbrauchs zu einer Steigerung der Herzfrequenz mit Verschlechterung
der myokardialen Sauerstoffbilanz führt. Tabelle 2 gibt einen Überblick über die Vielzahl bisher identifizierter Risikofaktoren, welche mit dem Auftreten von SVT beim chirurgischen Patienten assoziiert sind.
In zwei Untersuchungen an chirurgischen und kardiochirurgischen Intensivpatienten konnten wir nachweisen, dass ein hoher Grad an physiologischer Derangierung am Tag der Aufnahme (SAPS-Score), hohe ZVD-Werte, ein erniedrigter arterieller Sauerstoffpartialdruck und das Auftreten oder Vorhandensein systemischer Inflammation mit und ohne Infektion unabhängige Risikofaktoren für das Entstehen von Tachyarrhythmien sind. Von den erwähnten unabhängigen Risikofaktoren war die systemische Inflammation (SIRS) mit und ohne Infektion der Bedeutendste. SIRS erhöht das Risiko SVT zu entwickeln um das 36fache. Bezüglich des Multiorgandysfunktionssyndroms haben wir bei kardiochirurgischen Patienten einen Zusammenhang zwischen Katecholamintherapie und SVT gefunden. SVT - Einteilung und Pathophysiologie Tabelle 3: Einteilung der SVT anhand des Entstehungsortes Vom Sinusknoten
ausgehend: Vom Vorhofmyokard
ausgehend: AV-Knoten-Reentry-Tachykardie Junktionale Tachykardie SVT durch
akzessorische Bündel: Vom Sinusknoten
ausgehende Tachykardien Vom Vorhofmyokard
ausgehende Tachykardien
Legende: Das Vorhofflimmern stellt
sich meist als Schmalkomplex-Tachykardie mit absoluter Arrhythmie dar.
Beim Patienten mit Vorhofflattern als akute Komplikation nach kardialen oder anderen größeren Eingriffen ist selten. Typischerweise findet sich beim Vorhofflattern eine Kreiserregung zwischen Vena Cava Inferior, Trikusspidalklappe, eustachischer Falte und der Einmündung des Sinus Coronarius im rechten Vorhof (Abbilung 2)
Legende: Vorhofflattern zeigt
sich meist als regelmäßige Schmalkomplex-Tachykardie mit
Ventrikelfrequenz um 150 Schlägen/min Die unifokale atriale Tachykardie ist selten. Ursache ist ein autonomer Fokus oder ein umschriebener Reentry-Kreis innerhalb der Vorhofmuskulatur. Die Abgrenzung zu Tachykardien, die im Bereich des AV-Knotens entstehen, ist in der ICU meist unmöglich. Die multifokale atriale Tachykardie tritt bei älteren Patienten und/oder Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen (60-70% der Fälle) auf und beruht meistens auf getriggerter Aktivität aufgrund eines instabilen Ruhemembranpotentials der Vorhofmuskulatur. Auch diese Tachykardie findet sich bei chirurgischen Intensivpatienten selten. Für ihr Vorhandensein spricht die Präsenz von drei oder mehr verschieden konfigurierten P-Wellen vor dem QRS-Komplex. AV-Knoten-Reentry-Tachykardie
(AVKRT)
Legende: Beispiele für regelmäßige,
paroxysmale Tachykardien. Diese Schmalkomplex-Tachykardien sind meist
klinisch Junktionale Tachykardie Tachykardien durch akzessorische Leitungsbündel Präexzitationssyndrome mit akzessorischen Bündeln werden, wie die AVKRT, durch anatomisch definierte Reentry-Schleifen unterhalten. Von orthodromem Erregunsablauf spricht man, wenn die Erregung über AV-Knoten und andere reguläre Komponenten des Reizleitungssystems auf die Kammer über- und im akzessorischen Bündel zum Vorhof zurückgeleitet wird. Dies bewirkt eine normale Konfiguration des QRS-Komplexes. 25% aller akzessorischen Leitungsbündel leiten retrograd (versteckte akzessorische Leitungsbündel). Im Ruhe-EKG gibt es keinen Hinweis für das Vorhandensein dieser abnormen Vorhof-Kammer-Verbindungen. Im Gegensatz dazu verläuft die Erregungsschleife bei antidromen Reentrytachykardien gegenläufig. Dies bewirkt einen deformierten (Deltawelle, Abbildung 4) und verbreiterten QRS-Komplex. Leider ist diese Form der Tachykardie nicht typisch für das WPW-Syndrom. In der Tachykardie zeigen WPW-Patienten in 90% der Fälle einen normalen QRS-Komplex (orthodrome Erregungsausbreitung). Tachykardien durch akzessorische Leitungsbündel sind regelmäßig. Bei Patienten mit gleichzeitigem Vorhofflimmern und - flattern können sie, bei Erregungsüberleitung über das akzessorische Bündel, zu Ventrikelfrequenzen bis 300 Schlägen/min und mehr führen und damit akut lebensbedrohlich werden.
Legende: Ruhe-EKG bei WPW-Syndrom.
Typisch für das antidrome WPW-Syndrom sind der verkürzte PQ-Abstand
(<120 msec), SVT - Praktische Hinweise zur Diagnose Am Bedside-Monitor (beste Ableitung zur Rhythmusdiagnostik: Extremitätenableitung II) können Rhythmusstörungen zwar erkannt, aber nur in den seltensten Fällen differenziert werden. Die Methode der Wahl zur Diagnose und Unterscheidung von SVT ist deshalb das 12 Kanal-EKG mit Rhythmusstreifen - überlicherweise Extremitätenableitungen I, II und III über eine Din-A4-Seite. Ein Vergleichs-EKG, gemacht vor der Rhythmusstörung, leistet gute Dienste. Zur Differentialdiagnose dient folgendes Schema: Wie breit ist der Kammerkomplex? Kammerkomplexe kleiner/gleich 1,2 msec:
SVT Als diagnostische Hilfe dient bei Unklarheiten ein "Adenosin"-Test. Nach Gabe von 4-12 mg Adenosin als Bolus i.v. reagiert die SVT mit Frequenzverlang-samung bis zur kurzzeitigen Asystolie, die ventrikuläre Tachykardie reagiert nicht auf Adenosin. Bei vorbestehendem, bekannten akzessorischem Leitungs-bündel und wahrscheinlich antidromer SVT (Breitkomplextachykardie) ist die Gabe von Adenosin kontraindiziert. Ist die Tachykardie regelmässig oder unregelmässig? Unregelmäßige SVT: Meist Vorhofflimmern oder Vorhofflattern mit wechselndem Blockbild. Bei chirurgischen Intensivpatienten selten zu beobachten wäre die multifokale atriale Tachykardie. Bei Unklarheiten können, zur Diagnose, durch Gabe von Adenosin Flatterwellen oder abnorme P-Wellen besser zur Darstellung gelangen. Regelmäßige SVT: AVKRT, junktionale Tachykardie, Tachykardie durch akzessorische Leitungsbündel, Vorhofflattern mit regelmäßiger Überleitung, Sinus-tachykardie oder unifokale Tachykardie. Die Unterscheidung zwischen AVKRT, junktionaler Tachykardie und Tachykardie durch akzessorische Leitungsbündel ist in der Praxis oft nicht möglich und meist für die Therapie irrelevant. Auch bei den regelmäßigen SVT ist die Gabe von Adenosin 4-12 mg iv. als Bolus sinnvoll. Adenosin beendet oft die AVKRT. Adenosin kann gelegentlich eine unifokale atriale Tachykardie beenden. Die oft empfohlene Vagusreizung, zum Beispiel durch ein- oder beidseitige Karotissinusmassage, ist bei regelmäßigen SVT des chirurgischen Intensivpatienten nach unseren Erfahrungen meist unwirksam. Tabelle 4: Zusammenfassung von klinischen und EKG-spezifischen Kriterien zur Differentialdiagnose von SVT.
Legende: VHF - Vorhofflimmern;
VH-Flattern 2:1 ÜL - Vorhofflattern mit 2:1-Überleitung; VH-Flattern
irreg. ÜL - Vorhofflattern SVT - Therapie Abbildung 5 gibt schematisch im Flussdiagramm Entscheidungshilfen zur Therapie supraventrikulärer Tachykardien.
Bei hämodynamischer Stabilität und neuaufgetretener SVT (keine Sinustachykardie) bevorzugen wir als Behandlung die primäre pharmakologische Kardioversion mit Klasse-III-Antiarrhythmika (Sotalol, Amiodarone). Bei hämodynamischer Stabilität, Sinustachykardie und keinen offensichtlich behandelbaren auslösenden Ursachen (Schmerz, Angst, Fieber) verwenden wir meist kurzwirksame Betablocker (Esmolol). Bei hämodynamischer Instabi-lität (keine Sinustachykardie) kann ein Elektrokardioversionsversuch mit 100, 200, 360 Joule bei regelmäßiger und unregelmäßiger SVT versucht werden. Unserer Erfahrung nach ist, bei chirurgischen Patienten im Gegensatz zu internistischen Patienten, die elektrische Kardioversion leider meist unwirksam. Eine Rückkehr in den Sinusrhythmus ist in der Regel nur von kurzer Dauer. Aus diesem Grund bevorzugen wir auch hier die pharmakologische Kardioversion mit Klasse-III-Antiarrhythmika. Anwendung von Klasse-III-Antiarrhythmika An der Allgemein-Chirurgischen Intensivstation
hat sich in den letzten Jahren die kontinuierliche Applikation von Klasse-III-Antiarrhythmika
ohne Bolusgabe zur Behandlung von SVT durchgesetzt.
Literatur beim Verfasser! |